Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Hart durchgreifen? Aber nicht bei uns!

Hartes Durchgreifen. Männer stehen aufgereiht und warten auf Befehle.
Hartes Durchgreifen von oben? Im Gleichschritt marschieren? Nicht in der Pirmasenser Kolonie.

Wer bei uns hart durchgreifen will, den kann ich nur warnen. Denn er oder sie riskiert seine Hand. Sobald sich eine Hand mit dieser Absicht nähert, wird sie abgehackt. Wer durchgreifen will, darf sich des Hackebeils sicher sein. Denn unsere Messer sind gewetzt. Die Klingen sind scharf. Selbst die geringste Regung zum Durchgreifen bringt die Messer zum fliegen. Das ist keine Drohung. Das ist ein Versprechen. Wir verteidigen unsere Demokratie und unsere Freiheit!

Was draußen in der Welt der Verworfenen als Recht und Ordnung gilt, dient innerhalb der Pirmasenser Kolonie allenfalls der Unterhaltung. Das Regime von Politikern, Konzernchefs und käuflichen Professoren entlockt uns Auserwählten gelegentlich ein hämisches Lachen. Denn diese Fleisch gewordene Unmoral ist nur der blaue Schimmelpilz im täglichen Brot der Menschen. Allerdings verdient eine Mehrheit der Verworfenen da draußen sogar unser Mitleid. Schließlich sind die meisten wirklich übel dran.

Gemeint sind jene, die Tag aus Tag ein ihren Buckel vor den Machthabern verbiegen. Schon mit der Muttermilch flößen sie den armen Seelen das Gift der Geldherrschaft ein. In Kindergärten, Schulen und Universitäten lehrt man sie den Glauben, dass Gewinn, Rendite und Profit geschichtslose Gesetze ihres Daseins wären. Ihre Lehrer sagen, der Markt regelt alles. Die Anpassung an die Marktgesetze sei ihre Aufgabe. Der Gehorsam sei der Sinn des Lebens und Garant des Überlebens. Aber das sind nur trügerische Behauptungen. In Wahrheit führen diese Lügen unter die Knute der Zwangsarbeit.

Verworfene Welt: Durchgreifen gegen die Schwachen

Wenn sie merken, dass die versprochene Gerechtigkeit nichts anderes als der Vorteil der Machthaber ist, sind sie bereits alt, krank oder arbeitslos. Dann spüren sie das Durchgreifen der kalten Hand des Marktes. Dann merken sie, dass Menschen unter der Herrschaft der Werte nutzlos und ein bloßer Kostenfaktor sind. Das Regime der Schimmelpilze frisst den Menschen das Brot vom Teller. Damit die Empörten nicht aufstehen, will die Herrschaft mit harter Hand durchgreifen. Doch um die Hand des Bösen mit dem Fleischerbeil abzuhacken, fehlt den Verworfenen am Ende die Kraft und der Mut.

Dagegen sind wir in der Pirmasenser Kolonie den Werten der verworfenen Welt nicht verpflichtet. Der Arm ihrer Politiker, Richter und Polizisten reicht nicht bis zu uns. Ihnen bleibt hinter unseren Grenzen jedes Durchgreifen verwehrt. Die sind bereits Geschichte, während wir nach Gottes Gnadenwahl über Gegenwart hinaus in die Zukunft schauen dürfen.

Möge der Schimmelpilz seine Werte weiterhin in schwarze Aktenkoffer packen und mit ihnen untergehen. Die Älteren unter uns erinnern sich noch gut daran. Mit Bundeskanzler Helmut Kohl nahm 1982 das Verhängnis der „geistig-moralischen Wende“ und der schamlos waltenden Markt-Ideologie seinen schicksalhaften Lauf. Aus der hoffnungsvollen Republik wurde eine Diktatur des Geldes. Wie hieß es damals, als Kohl in Bonn die Hand zum Eid erhob? Wende? Ende!

Die Kolonie kennt Prinzipien, aber keine Werte

Den Prinzipien der Liebe, der Menschlichkeit und der Gleichheit sind wir Kolonistinnen verpflichtet. Sowie Gott uns diese Prinzipien gegeben hat, besitzt die Kolonie keine gesellschaftliche Mitte. Denn wo es eine Mitte gibt, gibt es immer einen Rand. Einen Ort der benachteiligten Masse, die der Mitte zu dienen hat, die den Angepassten zugleich eine Mahnung zum Gehorsam bedeutet.

Gleichwohl wir es zu Alltagszwecken gebrauchen, besitzt das Geld für die Kolonie keinen gesellschaftlichen Wert. Daher ergeben sich die Unterschiede zwischen den Menschen in der Kolonie aus ihrem Menschsein, nicht aus ihrem Besitz. Wir sind Christen, Juden, Moslems und Atheistinnen. Wir kommen aus Arabien, Asien, Afrika, Europa und Amerika. Wir sind viele in Vielfalt. Und wir sind frei.

Ebenso wenig, wie der Arm der verworfenen Gesellschaft von draußen in die Kolonie durchgreifen darf, ist den Amtsträgerinnen innerhalb der Kolonie ein Durchgreifen erlaubt. Die von Gott gegebenen Grundsätze zwingen auch Ester Berlin, Präsidentin Lisa Berg und die anderen Vorstandsfrauen dazu, alle Entscheidungen mit der Kolonie zu erörtern. Und zwar vor einer jeden Entscheidung.

Forderung: Debatten statt Durchgreifen

Deswegen haben Pfarrer Theophil Meisterberg, Hunde-Tommy und ich die Konferenz in der Geistlichen Hütte verlassen. Wir protestieren, weil wir uns nicht von Ester Berlin an den Eichentisch zitieren lassen, wo sie uns vor getroffene Beschlüsse stellen will. So läuft das nicht. Davor seien 20 Bierkästen gebaut. Lieber besaufen wir uns hemmungslos, als dass wir uns so behandeln lassen.

Die Damen vom Vorstand wollen einfach so die Regeln der Allgemeinverfügung aus der verworfenen Welt übernehmen. Deswegen haben Hunde-Tommy, Pfarrer Theophil Meisterberg und ich ein Rundschreiben an alle Teile der Pirmasenser Kolonie verfasst. Bevor wegen der Corona-Seuche irgendwelche Kontaktverbote und Ausgangssperren verhängt werden, müssen die Entscheidungen Punkt für Punkt diskutiert werden.

Einsame Entscheidungen sind gefährlich

Auch wenn wir sehen, dass die Zeit angesichts der Verbreitung des Virus drängt und dass Schutzmaßnahmen notwendig sind, muss das demokratische Verfahren eingehalten werden. Darauf bestehen wir. Genauso wie die anderen Kolonistinnen im ganzen Land. Bis diese Diskussion beendet ist, bleiben die Beschlüsse der Vorstandsfrauen wirkungslos. Ob sich die Kolonistinnen in Pirmasens sowie im In- und Ausland freiwillig an die Einschränkungen halten wollen, bleibt vorerst also ihnen überlassen.

Falls es also durch die Verzögerung zu Infektionen und Todesfällen kommt, ist das die Schuld von Ester Berlin und den Vorstandsfrauen. Denn sie hätten das demokratische Verfahren einhalten müssen.

Claude Otisse, Pfarrer Theophil Meisterberg, Hunde-Tommy

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