Hier geht es mit dem Teufel zu

Der Teufel muss in Claude Otisse gefahren sein. Oder vernebelt ihm nur der Alkohol den Verstand? Man sagt ja auch, der Teufel hat den Schnaps gemacht, um uns zu verderben. Das passt. Denn Alkohol schüttet er in ungeheuren Mengen in sich hinein. Verdorben ist er, weil Otisse behauptet, ich sei schuld, wenn sich das Virus weiter ausbreitet und Leute daran sterben.

Der Teufel bringt die Menschen in Versuchung. So ist es seit jeher überliefert. Schon mit Jesus soll er es probiert haben. Er verführt die Menschen dazu, sich selbst über andere zu erheben. Auch wenn es den leibhaftigen Teufel nur im Reich der Mythen gibt. In der Seele mancher Menschen lebt er doch.



Ester Berlin: Claude Otisse ist mit dem Teufel im Bunde

In Claude Otisses Seele trägt der Teufel eine goldene Krone. Jede kann es sehen. Otisse erhebt sich über andere. Er verschwört sich gegen mich und gegen die Vorstandsfrauen. Er schmiedet einen Komplott und legt mir einen Hinterhalt. Weil ich gemeinsam mit den Frauen vom Vorstand gegen die Ausbreitung der Krankheit vorgehen will, geht er von Tür zu Tür und spricht schlecht über mich. Er verfasst Botschaften und verschickt sie über das Internet. Doch das ist ihm nicht genug. Otisse ringt auch noch Hunde-Tommy und Pfarrer Theophil Meisterberg die Unterschrift ab.

Otisse bezichtigt mich des Verrats am Liebesgebot Gottes. Dabei verdreht er die Wahrheit in ihr Gegenteil und überschüttet mich mit seinem Hass. Er behauptet, ich wollte in der Kolonie eine Diktatur errichten. Aber will ich eine Diktatur? Wollen die anderen Vorstandsfrauen über die Köpfe aller hinweg entscheiden?

Selbstverständlich will ich das nicht. Wollte ich mich wirklich mit dem Teufel verbünden und eine Diktatur errichten, dann wäre ich nie nach Pirmasens gekommen. Denn was die Pirmasenser Kolonie zum auserwählten Ort Gottes macht, ist gerade der Umgang ihrer Menschen in Liebe, Freiheit und Demokratie. Niemand hortet hier Reichtümer auf Kosten der anderen. Niemand wird in prekäre und ausbeuterische Arbeitsplätze gezwungen. Weil wir das zum Leben Notwendige unter allen Teilen, dürfen sich die Mitgliederinnen nach ihren Gaben und Talenten entfalten.

Wir müssen uns vor der Seuche schützen

Wenn wir nun einer Seuche begegnen müssen, die alles in Frage stellt, was wir uns unter Schweiß, Blut und Tränen geschaffen haben, wollen dieses verteidigen und bewahren. Damit wir nicht krank werden und sterben, müssen wir alle unser Verhalten ändern. Deswegen müssen wir Vorstandsfrauen unserer Verantwortung gerecht werden. Es ist unsere Pflicht, für die Mitgliederinnen ein Regelwerk zu erarbeiten, das vor dem Coronavirus schützt.

Weil das bereits die Fachleute der verworfenen Welt draußen getan haben, müssen wir dieses nicht noch einmal tun. Deswegen haben wir die Allgemeinverfügung der Bundesländer übernommen. Es ist auch unter den Grundsätzen der Kolonie sinnvoll und gut, solange Abstand von anderen Leuten zu halten, bis sich das Virus nicht mehr ausbreitet. Denn dieser Erreger mach nicht an den Grenzen unserer Hütten und Wohnungen halt.

Außerdem zwingt uns das Coronavirus zum schnellen Handeln. Die von Otisse geforderte Diskussion mit folgender Abstimmung würde zu lange dauern. Alleine in Pirmasens zählt die Kolonie mehr als 2000 Mitgliederinnen. Unter ihnen sind Familien, ältere Leute und Alleinstehende. Bis wir sie alle angehört haben, liegen die ersten unter Zwangsbeatmung auf der Intensivstation. Sofern die Kranken überhaupt noch ein Bett bekommen.

Dem Teufel der Diktatur und der Geldherrschaft bleibt der Zuritt zur Kolonie nur dann verwehrt, wenn wir am Leben sind. Tote und kranke Kolonistinnen sind zu schwach. Die Kolonie geriete ohne die Schutzmaßnahmen in eine existenziell bedrohliche Lage. Damit dies nicht Wirklichkeit wird, haben haben unsere Vorstandsfrauen beschlossen, die Regeln der umgebenden Gesellschaft zu übernehmen.

Die Kolonie führt keinen Krieg, Otisse will schießen

Zwar reden wir in der Kolonie von der verworfenen Welt. Aber wir liegen nicht mit ihr im Krieg. Wir grenzen uns nur dort ab, wo die Gesellschaft eine ausbeuterische und zerstörerische Wirtschaftsweise betreibt und die Prinzipien der Menschlichkeit bricht. Schließlich ist es genau dieses, was diese Gesellschaft, diese Welt zu einer Verworfenen macht. Wie ein tragischer Held wird sie an ihrem eigenen Handeln zur Grunde gehen.

Aber es ist nicht unsere Aufgabe, diesen Untergang zu beschleunigen oder zu verhindern. Wir schauen der Welt der Verworfenen bei ihrem Weg in den Abgrund zu. Wenn wir uns in ihr bewegen, respektieren wir ihre Gesetze. Das muss auch Claude Otisse annehmen.

Trotzdem weigert er sich auch hier. Wie ich höre, sammelt er gewalttätige Extremisten um sich. Otisse hat unter Berufung auf seine Mitgliedschaft in der Kolonie den Scharfschützen genötigt, eine größere Anzahl Waffen und Munition heraus zu geben. Ich fürchte, Otisse plant etwas absolut ungutes. Bei ihm regiert der Teufel, nicht bei uns.

Ich fürchte mich wirklich vor den Folgen seines Tuns. Wir werden noch einmal das Gespräch mit ihm suchen. Vielleicht lässt sich Claude Otisse doch noch auf den Weg der Vernunft zurück holen. Zuversichtlich bin ich aber nicht.

Ester Berlin

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