Weihnachtsgeschichte: Rebellion am Heiligen Abend

Auch der Hund erfreut sich an der Weihnachtsgeschichte. Er darf den Fußball von Macho Thorsten zerbeißen.
Der Hund zerbeißt den Fußball von Macho Thorsten.

Vielleicht das letzte Weihnachtsfest im Frieden, vielleicht ist es aber bereits die erste Kriegsweihnacht. Trotz aller Befürchtungen soll es in der Pirmasenser Kolonie ein schönes Fest gefeiert werden. Auch wenn die letzte Schlacht losbricht, wollen wir uns ausgelassen, friedlich und voller Freude zum Lobe Gottes versammeln. Es ist alles da. Alles ist im Überfluss. Kaffee, Tee, Wein von den besten Sorten. Essen wie im Schlaraffenland und natürlich Gottbier für alle. Theophil Meisterberg tritt vor die Geistliche Hütte. Er hat eine Predigt vorbereitet, wie er es damals als Kirchenbeamter gelernt hat.

Die Frauen schreien den Pfarrer nieder

Nun hört die Weihnachtsgeschichte nach dem Matthäus-Evangelium: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes …

Genug!“
„Aufhören!“
„Schluss mit dem Scheiß!“
„Wir wollen das nicht hören!“
„Erzähl uns ‘was anderes, Theophil!“

Rufe aus der Menge

Ich vermag ihre Zahl kaum zu schätzen. Aber es sind bestimmt 400 Leute auf der Streuobstwiese bei der Geistlichen Hütte versammelt, um die Weihnachtsgeschichte zu hören. Also vielleicht die Hälfte der Bewohnerinnen der Pirmasenser Kolonie. Einige von ihnen rammen elektronische Laternen auf spitzen Pfählen in die Erde. Taschenlampen pendeln an Haken unter den kahlen Ästen der Obstbäume. Andere recken lodernde Fackeln gegen den finsteren Himmel. Es sind die Frauen, die Theophil niederschreien. Während die Männer schweigend daneben stehen. Die versuchen vergeblich versuchen, die aufgebrachten Damen zu beruhigen. Vergeblich. Wut wächst sich aus zum Furor.

Theophils pures Entsetzen grinst über das Gesicht, während ihm die Weihnachtsgeschichte noch im Halse steckt. Der hoch gewachsene Mann wankt wie ein verdorrter Baum im Wind. Verzweifelt fliegen seine Blicke erst zu mir, dann zu Hunde-Tommy, dann zu Lukas, dem Prophet. Wer kann ihm jetzt noch helfen?

Der Mut des Theophil Meisterberg

Dennoch fasst Theophil allen Mut zusammen. Dann will er erneut mit der Weinachtgeschichte beginnen. Und wieder beginnt das Geschrei der Frauen.

Wo ist diese Gott?
„Ja, wir wollen Gott sehen!“
„Hätte die Schlampe Maria bloß abgetrieben!“

Die aufgebrachten Kolonistinnen

Hunde-Tommy wiegt nervös den Kopf zwischen den Schultern. Seine Hände zittern. Trotzdem raunt er dem verstörten Theophil zu: „Nimm dir ein Gottbier und geh’ hin. Frage sie, was sie wollen!” Theophil zögert eine Sekunde. Doch dann greift in die Kiste. „Zisch!“ Das Bier ist offen. Sofort setzt er die Flasche an den Mund und saugt die goldbraune Flüssigkeit bis zum letzten Tropfen in sich hinein. Noch einmal sieht er zu mir herüber und nickt mir kurz zu.

Lukas, der Prophet ruft Vorsitzende Lisa Berg zu Hilfe

Als Theophil die Tür zum Obstgarten öffnet und gesenkten Hauptes vor die Frauen tritt, telefoniert Lukas, der Prophet mit der Vereinsvorsitzenden Lisa Berg. „Sie kommt“, sagt Lukas, der Prophet. Obgleich es Lisa Berg nicht sonderlich angenehm sein dürfte, ausgerechnet an Heiligabend das Haupthaus zu verlassen und in die Unendlichkeit der Nacht hinauszutreten. Es liegt ein spürbarer Fluch über dieser Heiligen Nacht. Vom Segen für Stadt und Erdkreis und der friedlichen Weihnachtsgeschichte ist dieser Abend weit entfernt.

Während Lisa Berg mit Saskia im Gefolge den ungewollten Weg zur Geistlichen Hütte beschreitet, überwindet Theophil ein weiteres Mal seine Angst. Er fragt die Frauen: „Was wollt ihr von mir?“

Freilich nein, was da kommt, ist keine Antwort. Zumindest keine Antwort in Worten. Statt Worte fliegen dem Pfarrer faulige Äpfel und Birnen entgegen. Die Früchte aus dem Gras der Streuobstwiese treffen den Kopf, das Gesicht, die Brust. Wenn auch von der fliegenden Fäulnis nicht ernsthaft verletzt, so ist der Theologe doch markiert. Schleim von Zerfall und Verwesung überziehen Haut und Kleidung. Sodann flieht er ins Innere der Geistlichen Hütte.

Die Vorsitzende spricht zur aufgebrachten Menge

Dann erscheint die Vorsitzende. Lisa Berg tritt vor die Geistliche Hütte. Saskia steht hinter ihr. Hunde-Tommy öffnet die Tür und sinkt hinter Saskia auf die Knie: „Darf ich sie küssen, Herrin?“ Saskia lächelt gnädig: „Ausnahmsweise, weil Weihnachten ist.“ Während Hunde-Tommy damit beginnt, den drallen Hintern von Lisa Bergs Ehefrau zum Zeichen der Ehrerbietung mit zärtlichen Küssen zu bedecken, erhebt die Vorsitzende des Vereins für Europäische Gemütlichkeit und der Pirmasenser Kolonie die Stimme.

Frauen! Revolutionärinnen! Kolonistinnen!
Was weckt Euren Zorn in dieser Heiligen Nacht?“

Vorsitzende Lisa Berg spricht zu den Kolonistinnen.

Ein Raunen geht durch die Menge. Einen Moment lang scheint es, als erhebe sich das Geschrei aufs Neue. Aber die lauten Stimmen verstummen jetzt bald. Das einzig noch zu Gehör dringende Geräusch ist das Stöhnen einer Männerstimme. Der Gewürgte liegt sich in Schmerzen windend unter den Zweigen den Birnbaums. Lisa Berg fragt nach der traurigen Gestalt: „Wer ist das?

Weihnachtsgeschichte mit Macho am Kälberstrick

Der dort am Boden liegt, heißt Thorsten. Er hat sich eine ganze Reihe von Regelverstößen zu Schulden kommen lassen. Thorsten hat mit „großer krimineller Energie“ die Gesetze der Kolonie gebrochen. Zuerst habe er seinen Lohn nicht vollständig an sie abgegeben. Indessen schafft er vom unterschlagenen Geld ein Auto an. Einen Audi mit Breitreifen, Sportauspuff und Sechszylindermotor nannte er plötzlich sein Eigentum. Doch damit nicht genug.

Unter falschen Versprechungen verführte er seine kleine Freundin. Die betrogene Geliebte schenkte ihm zu Weihnachten einen Fußball. Als ebenso verwerflich beklagt die betrogene Ehefrau Susanne, dass Thorsten seine freie Zeit mit Kumpels in der Kneipe und auf dem Fußballplatz zu verbringt, anstatt den Haushalt zu versorgen. Deswegen haben die Kolonistinnen den Gesetzesbrecher an den Birnbaum gebunden.

Der Hund zerbeißt den Fußball

Heute ist der Tag der Abrechnung“, schreit Susanne. Dann trug sie vor den Kolonistinnen die Missetaten ihres Mannes vor. Lisa Berg gibt Susanne nickend zu verstehen, dass sie die Empörung ohne jeden Zweifel teilt. „Der Thorsten kommt für ein halbes Jahr in die Umerziehung. Der Audi wird verkauft, den Fußball bekommt der Hund“, ordnet die Vorsitzende an. Sodann zerren zwei Frauen den wimmernden Thorsten an einem Kälberstrick hinüber zum Keller des Haupthauses. Dort verbringt er das Weihnachtsfest in einem Käfig. Der Hund freut sich. Am ersten Feiertag darf er mit dem Fußball über die Wiese tollen. Bereits nach wenigen Minuten war die Luft raus.

Lisa Berg weiß aus Erfahrung, die Thorsten-Affäre kann nicht alles sein, das die Frauen erzürnt. „Was empört euch noch?“ Die Frauen flüstern und wispern untereinander. Danach ist es wieder Susanne, die das Wort ergreift:

„Auch wir wollen die Wirtschaftsdiktatur stürzen. Auch wir wollen Gerechtigkeit. Aber wir wollen keinen Krieg. Wir wollen eine Weihnachtsgeschichte, die sich zum Guten wendet. Ihr dürft die Familie Plattermann nicht erschießen heute Nacht. Bringt den Johann Plattermann in die Kolonie, damit wir ihm den Prozess machen. Die Kinder nehmen wir auf und erziehen sie zu guten Kolonistinnen. Den Rest dieser Familie enteignen wir und schicken sie alle zum Teufel!“

Die rebellische Kolonistin Susanne.

Gnade für den Restpostenhändler

Lisa Berg gerät angesichts der rebellischen Rede ins Zweifeln. Schließlich hatte sie persönlich die Liquidierung des Restpostenhändlers und dessen Familie in der heiligen Nacht Vorstandsrat gegen den Willen Theophils durchgesetzt. Es sollte die tödliche Weihnachtsgeschichte der Plattermanns werden. Lisa Berg dreht sich zu Saskia und flüstert ihrer Gattin etwas zu.

In Ordnung“, sagt Lisa Berg. „Der Einsatz unseres Scharfschützen und seiner Truppe bei den Plattermanns ist abgeblasen. Seid ihr nun zufrieden?“ Tatsächlich beruhigen sich die Frauen. Schon schickten die ersten Kolonistinnen ihre Männer, um Gottbier und Häppchen zu holen.

Gott soll persönlich die Weihnachtsgeschichte erzählen

Dennoch ist eine Forderung übrig geblieben: „Wir wollen mit Gott reden. Sie soll uns die Weihnachtsgeschichte persönlich erzählen.Wenn die Gott weiter auf dem Horeb sitzen bleibt und sich nur mit dem verlogenen Pfaffen unterhält, suchen wir uns eine andere Gott.“

Lisa Berg zuckt zusammen. Insbesondere Susannes letzte Bemerkung, wenn Gott nicht wolle, dann könnte sich die Kolonie nach einer anderen Gottheit umsehen, machte die Vorsitzende nervös. Denn Gott war seit Tagen nicht erreichbar.

Susannes Applaus brandet durch die heilige Nacht. Es scheint, als stellte sich die Mehrheit der Kolonistinnen hinter die Rebellin. Jedoch glaube ich nicht wirklich daran, dass Susanne eine Mehrheit finden wird. Sie ist wohl nur eine der chronisch Unzufriedenen. Diese können mit ihrem Geschrei einen solchen Lärm verursachen, das der Eindruck entstehen könnte, sie stünden für alle. Ohne ein Versprechen über Gottes Auftritt zu geben, zieht sich Lisa Berg mit Ehefrau Saskia wieder ins Haupthaus zurück. Vor der Geistlichen Hütte beginnt nun endlich das Weihnachtsfest. Schließlich darf Theophil ungestört die Weihnachtsgeschichte verlesen.

Bericht und Foto aus Pirmasens: Fetthans

Das könnte dich auch interessieren …