Mein super Freund Hunde-Tommy und die fremde Frau

Während sich Claude Otisse der fremden Frau unterwirft, schickt der Freund Nachrichten.
Claude Otisse erlebt die fremde Frau als übermächtige Erscheinung.

Wo ist der Mann mit Hut? Wo und wann kann ich ihn endlich treffen? Wird er mein Freund? Das will ich von der fremden Frau erfahren. Sie muss etwas über ihn wissen, da er in ihrem Haus wohnt. Deshalb nehme ich ihre Einladung an. Obwohl ich nur ungern mit großem Unbehagen fremden Frauen in die Wohnung folge, sitze ich jetzt auf einem niedrigen Ledersofa. Das tiefe Möbel zwingt mich, die langen Beine nach vorne unter den ebenso niedrigen Tisch zu strecken, dessen Marmorplatte schwer und glanzvoll poliert über dem verchromten Metallgestell lastet.

Auf einem der beiden Ledersessel gegenüber lässt sie sich nieder. Auch die Frau breitet ihre Beine unter dem Tisch aus, obwohl sie den leeren Sessel leicht hätte beiseite schieben können, um mehr Platz für ihre Extremitäten zu gewinnen. Aber sie lässt die Möbel unverändert stehen. Ihre festen, aber eleganten Lederschuhe mit den hohen Absätzen berühren meine Unterschenkel und kommen zwischen meinen ausgetretenen Laufschuhen zur Ruhe.

Doch bevor sich die Fremde ins knarzende Leder sinken lässt, trägt sie auf einem silberfarbenen Tablett mit halb ausgestreckten Armen zwei Teegedecke und eine hohe, metallisch glänzende Wärmekanne herbei. Die gastfreundlichen Gegenstände richtet sie sorgsam auf dem glitzernden Marmor aus. Untersetzer und Tassen stehen sich exakt gegenüber. An eine gedachte Linie hätte ein Geodreieck angelegt werden können, das Ecklineal hätte einen Winkel von 90 Grad gemessen.

Ich möge mir doch bitte selbst etwas von dem Heißgetränk einschenken, fordert sie mich mit dürren Worten auf. Ich serviere mir eigenhändig die die halb durchsichtige, braun-grüne, heiße Flüssigkeit in die schlichte Tasse aus weißem Porzellan. Der Rücken meines Gegenübers ist dem großen, nach Westen, zur Streckbrücke zeigenden Terrassenfenster zugewendet, dessen Quadrat sich zur Seite über ein weiteres gläsernes Quadrat schieben ließe, aber jetzt geschlossen bleibt, weil es draußen zu kalt ist.

Mit vorrückender Stunde dringt das Licht kräftiger durch die Wolkenlücken bis in den Raum hinein. Dort prallen die Strahlen an ihre Schultern, den dunkel gefärbten Hinterkopf und die mir abgewandte Seite des Ledersessels, wo die Helligkeit von einem gediegenen, großmauligen Schwarz verschlungen wird. Das Antlitz der Frau bildet die Mitte einer Halbschattensilhouette, die Gesicht und Oberkörper verdunkelt.

Sie vermisst meinen Körper wie einen Gegenstand. Mit diesem Blick würde sie eine Kommode prüfen, von der sie wissen will, ob sie in die Lücke zwischen Schrank und Fernsehgerät passt. Sie wägt ab und urteilt mit einem Zu. Jenem Zu, dem zum Wort gewordenen Beil des Scharfrichters, welches die Verworfenen von den Angenommenen trennt. Bereitet ihr das Richten ein sadistisches Vergnügen? So erscheint sie mir in diesem Augenblick. Ich meine, ein zartes, erheitertes Zucken um ihre Mundwinkel wahrzunehmen, als sie sich nach vorn beugte um mich noch genauer zu begutachten, bevor sie wieder im Halbschatten verschwimmt.

Mir scheint es fast, als stiege die Frau höher in ihrem Sessel, als wachse sie in unerträgliche Höhe über mich hinaus. Ich senke den Kopf und schaue an mir hinunter. Sie bemerkt meine Unsicherheit, fordert: “Du musst dich nicht schämen, Otisse! Verrate mir einfach nur, warum du so dick bist. Nach dem du mir das erzählt hast, berichte ich dir alles, was ich über den Mann mit Hut weiß.”

Freund Hunde-Tommy stört mit einer Nachricht

In diesem Augenblick vibriert und brummt mein Handy zwei Mal kurz. Ich spüre, wie sich die Schwingungen im gespannten Stoff über meinem Unterkörper verteilen. Unwillkürlich fährt meine rechte Hand in die Hose, forscht tastend zwischen Schlüsselbund und Tabakpäckchen, findet es und zieht das Gerät heraus. “Nachricht von Hunde-Tommy” steht in winziger, grüner Schrift am oberen Rand des Bildschirms zu lesen. Was will der Freund von mir?

Sogleich mag mein Zeigefinger auf das schmale Band der Nachricht tippen, der Finger versucht, wie aus der Ferne gesteuert, den ganzen Text aufzurufen. Doch der Unmut der fremden Frau bremst den Finger. Sie schaut mich an. Ich werde noch eine Weile warten, bevor ich erfahre, was der Freund von mir will. Denn würde ich mitten im Gespräch mit ihr auf dem Mobiltelefon zu lesen beginnen und eine Nachricht beantworten, wäre mein Verhalten genau dies: unhöflich und respektlos. Nein, diesem neuerlichen Missfallen will ich mich nicht aussetzen. Wie wird die Fremde reagieren? Außerdem geht es mir um eine überaus wichtige und bedeutsame Angelegenheit: die Suche nach dem Mann mit Hut. Dafür brauche ich unbedingt die Hilfe dieser Frau.

Das Telefon an seinen warmen Platz in der Hosentasche zurück schiebend wende ich mich lieber der Fremden gegenüber zu. Mein Rücken zwickt, da ist so ein Druck zu spüren. Das tiefe Polster verbiegt die Wirbel, quetscht die Bandscheiben meiner Lenden in die falsche Richtung. Ein nervöses Kribbeln in den Beinen ist ein Vorbote des nahenden Schmerzes. Ich rutsche auf und ab, von links nach rechts und wieder zurück, versuche irgendwie eine angenehme Haltung zu finden. Doch das Vorhaben misslingt, die Schmerzen bleiben, sie werden schlimmer. Und wieder denke ich an den Freund. Was mag er von mir wollen an diesem Morgen?

Vermutlich ist mein Freund Hunde-Tommy gerade in diesem Moment an einem solchen Ort unterwegs. Wahrscheinlich sitzt er schwitzend und nackt in seinem Liebesnest, will zwischendurch eine Nachricht absetzen, weil er etwas braucht. Das Gerät brummt und vibriert aufs Neue in meiner Hose. Wieder warte ich ab, bis der Ton verstummt. Dennoch zwingen diese Töne meine Gedanken zum Freund.

Sicher, das will ich nicht bezweifeln. Der Freund war und ist gewiss deutlich fleißiger als ich es je gewesen bin. Er bearbeitet innerhalb einer Woche weitaus mehr Bewerbungen als ich es könnte und wollte. Offensichtlich sind es genau diese Strebsamkeit, der unablässige Fleiß, am Ende gekrönt vom gesellschaftlichen Ansehen eines Arztes, welche die Frauen an ihm bewundern. Jedenfalls gelingt es ihm seit Jahren, in den Neubaugebieten und Villenvierteln am Rande der Stadt regelmäßiger Gast in den Schlafzimmern zu sein. Sie Glauben an seine Besonderheit und sie glauben seinen Worten.

Bestimmt soll ich ihm helfen, etwas für ihn tun im Namen der Freundschaft. Und zwar gleich jetzt und auf der Stelle. Wenn ich weiter sein Freund sein und bleiben will, muss ich handeln. Das wird der Freund verlangen, unmittelbar, schnell und ohne jedes Zögern. Genauso wie an jenem Tag im August vor einem Jahr, als er mich dazu brachte, das Haus der schönen Paula anzuzünden, damit er ungestört die Augäpfel seiner toten Geliebten für seine medizinische Sammlung entnehmen konnte. Aber seit diesem Tag quält mich die Frage: Darf ich einen Freund auch dann noch unterstützen, wenn er heute noch einmal eine Tat wie diese von mir verlangt?

Mein Elend ist ihre Unterhaltung

Ich wende meine Gedanken ab vom Begehren des Freundes und schaue zur wartenden Fremden. “Ich bin so dick, weil ich den Winter über nur gesoffen und schlecht gegessen habe”, antworte ich der Frau. Die nickt bestätigend, als hätte sie die Ursache meines Übergewichts bereits vor meinem Satz gekannt. Ich füge eine Erklärung an: “Aber es es gab einen Grund, das Zimmer nicht mehr zu verlassen.” Wieder nickte sie wissend. Noch immer finde ich keine schmerzfreie Position auf dem tiefen Sofa. Sie rückt indessen ihren Körper im Sessel nach hinten, zieht die Beine etwas an, wobei sie meine Unterschenkel berührt.

Jetzt sitzt die fremde Frau noch aufrechter im Sessel als zuvor. Sie nimmt eine Haltung ein, als erwarte sie genauso gespannt meine Erklärung, wie sie auf die Enthüllung des Täters in einem Fernsehkrimi hin fiebert, dessen Drehbuch sie schon kennt. Sie unterhält sich mit mir, ich bin ihre lebende Unterhaltung. In mein kurzes Schweigen spricht sie ihre Frage. Es scheint mir fast, als ertrage sie die Spannung nicht: “Also? Was war der Grund deines Rückzugs in den Alkohol und die Einsamkeit?” -Fortsetzung folgt

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