Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Super Gott Vater! Erlöse mich von Mutters kalten Augen!

Für mich war Gott schon immer ein Mann und Vater. Und dabei wird es auch bleiben. Das Geschlecht der mächtigsten aller nur denkbaren Gottheiten muss männlich sein, da schließlich auch unter den menschlichen Wesen aus Fleisch und Blut sei jeher die Männer bestimmen, wie das Leben zu verlaufen hat. Wenn mein Vater wütend wurde, fühlte sich das an, als würde Zeus Blitze aus dem Olymp schleudern oder der eine Gott der Hebräer würde seine Heerscharen in die Schlacht gegen die Feinde Israels befehligen.

Mutter Maria und Jesus in der Kirche von Gott Vater
Hunde-Tommy erinnert sich an Szenen seiner Kindheit. Für Dr.Thomas Busenberger war die Mutter kalt und besoffen, der Vater aber ein Gott.

Nein, niemals hätte es ein Vertun über die Geschlechter gegeben. Es gab Frauen. Es gab Männer. Dazwischen passte nichts außer die Moral, die eine klare Rangfolge vorgab. Es herrschte Ordnung. Und die besagte nun mal, dass die Frauen den Männern untertan sein sollen. So war das auch bei meinen Eltern. Vater, der große Chefarzt, der Mensch gewordene Asklepios, war der unfehlbare Gott in unserem schönen, neu gebauten Haus am Waldrand. Was er sagte, galt als unumstößliches Gesetz. Kam er nach getaner Arbeit nach Hause, verwandelte er sich in den vom Berg Sinai herab steigenden Moses. Ja, Mutter und wir, die Kinder hatten uns seinem Willen zu fügen.

Erschien Vater in der Tür, war jeglicher Götzendienst unweigerlich beendet. Zwar gab es im Hause von Professor Doktor Busenberger wahrhaftig kein echtes Goldenes Kalb, das wie in früheren Zeiten als Götterbildnis hätte dienen können. Sehr wohl mit Gold beschichtet und verziert war allerdings das Kaffee-Service, das Mutter als Aussteuer in die Ehe eingebracht hatte. Eben dieses teure Porzellan verführte Mutter regelmäßig dazu, vom Glauben an den wahren Gott abzufallen. Doch genauso regelmäßig scheuchte Vater die Götzendienerin auf. Dazu reichte Mutter das Wissen über sein Kommen, oder auch nur die Ahnung seiner möglicherweise bald bevorstehenden Anwesenheit.

Der Geist kommt aus der Flasche

Mutter und ihre Freundinnen fanden sich jeden Freitagnachmittag heimlich zu einem lästerlichen Kaffeekränzchen zusammen. Mutter wies das Hausmädchen an, die weiße, mit roten Stilrosen bestickte Tischdecke über den Esstisch im Wohnzimmer zu breiten. Frisch gebrühter Kaffee wurde aufgetragen, dazu servierte Elsa – bei uns hießen alle Hausmädchen Elsa, egal wie sie außerhalb unseres Hauses hießen – eine bunte Auswahl an Kuchen- und Tortenstücken. Am liebsten mochten die Damen gedeckte Fruchtkuchen, darunter frische Erdbeeren, Kirschen und Mirabellen, je nach Jahreszeit.

Der Geist der Damen erhob sich aus den Flaschen. Er stammte aus den teuren Flaschen und Flacons, jenen verzierten Hohlglaskörpern, die im Mittelfach der verspiegelten Hausbar lagerten. Ein Fach, das den Vorrat an Likören und Schnäpsen mittels ihrer Zerrbilder stets noch größer aussehen ließ, als er ohnehin schon war. Nach dem der Kaffee getrunken, der Kuchen aufgegessen war, öffnete Mutter ihre große Klappe. Feierlich sank das schwere Holz herunter und wandelte sich zum Tablett eines feinen Kellners im Edelrestaurant. Mutters Hand wanderte in ein niedriges Fach über den Flaschen, vor dort holte sie fünf schmale Gläser aus feinem Kristall heraus, stellte sie auf das Tablett, füllte sie mit Geist.

„Ein köstlicher Mirabell!“ Mutter reichte die Gläser persönlich hinüber zu den am Tisch sitzenden Damen, paarweise, in jeder Hand ein Geistgefäß, bevor sie mit dem ihrigen und der Flasche an die Tafel zurückkehrte und ihren Platz in der Runde wieder einnahm. Sie leerten die ersten Gläser im Gleichklang. Mutter füllte nach, wieder und wieder. Die Freundinnen wurden erst beschwipst, dann betrunken, begannen schließlich zu lallen. Die sich füllenden Blasen zwangen die Damen bald zur Toilette.

Die Runde wurde lauter, das Lachen der Damen schallte durch Fluren unseres großen Hauses, unterbrochen vom Klacken hoher, schmaler Absätze auf den Tonfliesen. Heiter und ausgelassen unter der Wirkung des Alkohols vergaßen die Damen bald die zuvor noch hochgehaltene Höflichkeit, die gebildete Distinktion, auf die sie im nüchternen Leben so großen Wert legten, dass die Unterhaltungen mit ihnen oft steif und geradezu oberlehrerinnenhaft verliefen.

Sie, die Ehefrauen, Partnerinnen und Geliebten des Bildungsbürgertums waren sich stets ihrer gehobenen Klasse bewusst. Sie waren stolz auf der Macht ihrer Männer und Weitläufigkeit ihres Besitzes – ihre Schuhe, Kleider, Villen, Autos und ihre Kinder. Sie trugen ihren Reichtum offen zur Schau. Nun aber, am Kaffeetisch des Hauses Busenberger gaben sie sich unter dem Einfluss der edlen Brände den Niederungen ihrer Triebe hin. „Seit meiner letzten Geburt hatten wir keinen Sex mehr“, hörte ich Mutter sagen. Sie erklärte den Mangel mit einer Schwäche meines Vaters: „Der Herr Oberarzt bekommt keinen hoch!“ Der Satz ging im Gekichere der Damenrunde unter, das bald in ein kreischendes Gelächter mündete. „Treibst du es jetzt mit dem Gärtner?“, fragte eine Dame. „Kann sein, kann sein!“

Auch bei den armen Mitschülern ist der Vater ein Gott

Mir war schon als damals Zwölfjähriger unser erhabener Stand vollkommen klar, obwohl ich die volle Bedeutung und Tragweite dieser Tatsache längst noch nicht vollständig zu erfassen vermochte. Aber ich beobachtete die Unterschiede genau. Schnell bemerkte ich, dass andere Kinder nicht auf Klassenfahrt durften, weil das Geld fehlte. Da war ihre schlichte Kleidung aus den Ramschgeschäften, die nicht nur schäbig aussah, sondern obendrein mehrere Tage hintereinander getragen wurde. Die beengten Wohnungen der Familien, derer beide Eltern arbeiten mussten, damit das Geld für Essen und Unterkunft gerade so reichte. Manche Kinder schliefen zu dritt in einem Raum, die kleinen Geschwister im Etagenbett.

Bei dieser Sorte von Mitschülern roch es nach billigem Weichspüler, kaltem Schweiß, dem heißen Fett der Bratpfannen und dem schalen Bier, das aus den leeren Kästen im Flur verdampfte. Das schmutzige Geschirr stapelte sich bis zum Abend im Spülbecken. Keine Maschine übernahm diese lästige Arbeit, an eine Elsa war selbstverständlich überhaupt nicht zu denken. Kam der Vater dreckig und verschwitzt nach Hause, wollte er sein Abendessen pünktlich auf dem Tisch sehen. Die Mutter bereitete das Mahl, eines der Kinder musste nachher das Geschirr spülen, ein anderes trocknete ab und räumte die Tassen, Teller und Bestecke an ihre Plätze im Schrank.

Längst bevor der Vater an den Tisch der Familie zurückkehrte, begann sich die Gedanken aller anderen um ihn zu drehen. Auch bei den Proleten räumte die göttliche Kraft seines Erscheinens den Tisch in der Küche frei, brachte die Musik zum Schweigen und beendete die Spiele im Kinderzimmer. Fremde Besucher wie ich einer war mussten die Wohnung rechtzeitig verlassen. So kam es, dass ich während meiner Aufenthalte in den Behausungen meiner armen Mitschüler niemals ein Abendessen miterlebte.

Dabei hätte ich so gerne erfahren, wie es bei deren Abendmahl mit ihrem leibhaftigen Gott Vater am Küchentisch zugegangen war. Womöglich schickten sie den fremden Gast deswegen nach Hause, weil sie der Mehrarbeit wegen keinen zusätzlichen Esser verköstigen wollten oder sich die Gastfreundschaft aus monetären Gründen schlicht nicht leisten konnten. Schließlich kostet die Nahrung auch Geld, dessen Knappheit bei den Arbeiterfamilien kaum zu übersehen war. Jedenfalls blieben mir die Abende der proletarischen Klassenkameraden verborgen. Was dort zu dieser Tageszeit geschah, war meiner kindlichen Phantasie, ich malte mir das lebhaft aus.

Eine Pfütze aus Urin und feuchte Augen

Dafür wusste ich sehr genau, was sich während der heimischen Kaffeetafel zutrug. Der Mirabell war Mutter kaum anzumerken. Sie lallte nicht, sie lachte zwar, doch kicherte sie keineswegs zu ungehalten und auf Marsch zum Klo wankte sie nicht. Ihre Freundinnen indessen wackelten regelrecht über den Flur, tasteten sich an den Wänden entlang und so manche bekamen sogar den Türgriff der Toilettentür nicht zu fassen. Diese kämpften unter dem Fluch des Flaschengeistes eine Weile gegen den Widerstand des Schlosses, bevor sich die Tür endlich öffnete.

Eine Dame verlor das Rennen gegen den Blasendruck, schaffte dieses Vorhaben nicht mehr rechtzeitig. Es war die jüngste unter ihnen, die mit der engen Hüftjeans. Als sie urinierte, breitete sich vom Schritt abwärts an den Innenschenkeln herunter bis zu den Bündchen am Unterschenkel ein dunkler Fleck aus. Außerdem furzte die Frau lautstark, der Gestank zog bis zu mir an die Tür des Hausaufgabenzimmers, von wo ich die Szene unbemerkt beobachtete.

Auf den Fliesen unter den hochhackigen Schuhen der Frau bildete sich eine Pfütze. Sie stand mittendrin. Mit jeder Bewegung ihrer Füße verteilte sie den Urin weiter. Mutters Freundin geriet in Panik, sie wollte offenbar das Malheur vor der Damenrunde verbergen. Panisch drehte sie Kopf und Oberkörper hin und her. Offenbar hatte ich mich in meiner Faszination für diese Szene zu weit um die Ecke des geschoben. Jedenfalls entdeckte sie mich. Damit wusste die Frau in der vollgepissten Hose, dass ich sie in ihrer Peinlichkeit gesehen hatte. Meine Blicke versetzten die Betrunkene in Rage.

„Komm‘ her!“ Sie kommandierte zischend über den Flur. Unsicher wie ich war, gehorchte ich dem Kommando, dem sogleich ein weiteres folgte: „Hol‘ einen Putzlappen und mach‘ das weg!“ Dabei zeigte die Frau mit ausgestrecktem Finger auf die sich ausbreitende Pfütze zu ihren Füßen. Ich sah zuerst in ihre glasigen, braunen Augen, dann in ihren Schritt, wo sich die Vulva wegen der Nässe noch deutlicher abzeichnete als zuvor. „Ich weiß nicht, wo der Putzlappen ist“, gab ich leise zurück. Noch während ich diesen Satz aussprach, versuchte ich zu erinnern, wo Elsa die Putzsachen lagerte.

Tatsächlich. Mir fiel die kleine Kammer neben der Garage ein, die ich nicht betreten sollte. In der aber Elsa immer verschwand, bevor sie mit der Reinigung der Flure und der Zimmer begann. Wieder sah ich in die vor Feuchtigkeit triefenden Augen der vollgepissten Betrunkenen. „Moment“, sagte ich leise und lief die Treppe hinunter. An der Kammer vorbei, in der Vater seine Golfausrüstung lagerte, sah ich die Tür dieser Elsa-Kammer. Den Lichtschalter gedrückt, stand ich vor einer Wand aus Schränken und Regalen. Auf einem Brett entdeckte ich den Putzeimer, neben dem Gefäß lag ein Stapel aus Lappen, hinter dem eine Doppelreihe von blauen Putzmittelflaschen aufgestellt war wie Soldaten beim Appell.

Also griff ich den Eimer, einen Lappen und eine blaue Flasche. Den Eimer füllte ich am Waschbecken zur Hälfte mit Wasser. Dann schüttete ich das Putzmittel hinein. Die ganze Flasche. Ich dachte, eine große Menge sei hilfreich gegen den Geruch, den der Urin und die Fürze der betrunkenen Frau auf dem Flur hinterlassen würde. Zwei Stufen auf einmal überwindend rannte ich die Treppe hinauf. Die Frau stand noch immer in der Pfütze. Nach dem sie mich erblickt hatte, gab sie gab einen grunzenden Würgeton von sich, der so klang, als würde sie gleich kotzen. Aber sie kotzte nicht. Der kehlige Stimmklang drückte lediglich ihr tiefes Missfallen über mein Versagen aus. Ich hatte den Schrubber vergessen.

„Dann musst du eben auf die Knie!“ Wieder sah ich hoch in ihre verquollenen, nassen , finsteren Augen, wieder schaute ich auf den tiefen Schlitz in ihrem Schritt. Ich gehorchte. Vor der Betrunkenen auf den Terrakotta-Fliesen kniend, konnte ich von unten zwischen ihren Beinen hindurch schauen. Auf dem Flur war sonst niemand, nur das Gelächter von Mutter und den anderen Damen erschallte aus der Ferne des Esszimmers. „Los jetzt! Wischen!“ Um ihren Befehl mit Nachdruck zu versehen, panschte die Frau mit dem rechten Fuß in die Pfütze. Einige Spritzer trafen mein Gesicht, liefen neben der Nase in meinen Mund. Der Urin der Betrunkenen schmeckte salzig-streng. Unwillkürlich begann ich zu würgen.

Damit sie ruhig stehen bleibt, zog ich den Eimer herbei, griff zum Lappen und begann zu wischen. Ich zog den Lappen in kreisenden Bewegungen über den Boden, so wie ich es bei Elsa gesehen hatte. Dessen Fasern saugten den Urin bereitwillig, sogar gierig in sich auf. „Jetzt musst du den Lumpen auswringen, und ins Putzwasser tauchen und wieder auswringen!“ Ich tat es wie befohlen. Als die Pisse von den Fliesen entfernt war und der Chorgeruch des Reinigers die Luft erfüllte, hieß sie mich, ihre Schuhe zu reinigen. Zu diesem Zweck verbot sie mir jedoch, den schmutzigen Putzlappen zu verwenden. „Nimm dein Shirt!“ Mein Shirt? Bittend sah ich auf zu ihren Augen. Sie wiederholte den Befehl: „Dein Shirt!“

Ich zog es aus, kniete nun mit nacktem Oberkörper vor der betrunkenen Frau mit der nassen Hose. Sie hob den abwechselnd die Füße. Ich rieb das das schwarz-glänzende Lackschuhwerk sorgfältig ab. Zuerst rieb ich das spärliche Oberleder, dann die Sohlen. Als ich fertig war, warf ich das Shirt zum Eimer mit dem Putzlappen. Nach dem das Malheur auf dem Flur beseitigt war, verschwand die betrunkene Frau in der Toilette.

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In der Kindheit von Dr.Thomas Busenberger war der Wurm drin.

Den Eimer brachte ich in den Elsa-Raum zurück, wo ich ihn auf dem Rost des Waschbeckens abstellte. Mein Shirt stopfte ich in die stählerne Mülltonne in der Garage, die bereits auf einem Karren stand und zur Abholung gerichtet war. Der Müll und die Tonnen gehörten zu den Aufgaben unseres Gärtnermeisters, der sich ansonsten um den englischen Garten kümmerte, der unser Haus von drei Seiten umgab.

Die kalten Augen meiner Mutter

Mutter? Nein. Niemals in meiner Kindheit wurde ich solch demütigender Peinlichkeiten bei ihr gewahr, die ihre Freundinnen zeigten. Ihr konnte der berauschende Flaschengeist offenbar nichts anhaben. Sie schien immun gegen die schädliche Wirkung des Alkohols. Als die der Nachmittag zum frühen Abend vorrückte, hieß sie Elsa, die Tafel zügig abzuräumen und verabschiedete ihre Freundinnen mit nachdrücklicher und fester Stimme.

Die Damen erhoben sich zögernd von ihren Plätzen. Die Pisserin in den engen Jeans plumpste auf den Stuhl zurück, verlor kurz das Gleichgewicht. Ihre Nachbarin stand bereits und half ihr auf. Schließlich hakte sie sich bei ihrer kaum weniger besoffenen Bekannten unter. Die anderen behalfen sich in ähnlicher Weise, und näherten sich langsam der Eingangshalle und der Haustür. Dann verschwanden die Damen in die Autos und brausten über den Weg zum großen Tor hinweg.

Vater nahte. Er hatte seine Heimkehr für 19 Uhr angekündigt. Es blieb nur wenig Zeit. Vater verlangte, das Unreine und Laute während seiner Anwesenheit aus dem Haus zu verbannen. Der göttliche Bann war es, der die Damenrunde beendete. Mutter kam ins Hausaufgabenzimmer, um zu prüfen, ob ich meine Arbeit zu ihrer Zufriedenheit erledigt hatte. Vater duldete keine Schulversager. Er verlangte Fleiß und Disziplin von seinen Kindern, aus denen angesehene Akademiker werden mussten. Doch er war gerecht und zeigte Milde wenn ich Besserung gelobte. Aber Mutter strafte streng.

„Bist du fertig?“ Mit diesen drei leise gesprochenen Worten verwandelte mich Mutter in einem bußfertigen Sünder, der vor Schuld und Scham unter ihren kalt starrenden Augen verging. „Steh‘ auf!“ Ich befolgte ihren Befehl und erhob mich vom Schreibtisch, trat gebeugt vor sie hin. Nein, meine Hausaufgaben waren unerledigt. Als ich vor ihr stand, fühlte ich die Nässe meiner Hose.

Zum einen hatte ich etwas von dem Putzwasser verschüttet, das zwischen meinen Beinen gelandet war. Das Chlor brannte auf der Spitze meines Penis‘. Vater hatte meine Vorhaut von einer seiner Arzt-Kolleginnen entfernen lassen. Der Hygiene wegen. Doch meine Hose war nicht nur im Schritt durchnässt. Auch um die Knie und Waden hatte sich der Stoff mit dem Urin der Pisserin voll gesogen, in dem ich vorhin knien musste.

„Du hast dich vollgepisst!“ Mutter schritt um mich herum, musterte mich genau von allen Seiten, als wäre sie eine Fotografin, die eine Portätaufnahme vorbereitet. Ihre kalten grau-blauen Augen gierten, wuchsen, quollen mir riesenhaft entgegen. Das Klacken ihrer Absätze krachte in meinen Ohren wie Kanonenschläge. Mein Penis brannte immer stärker. Es ereilte mich das gleiche Schicksal der pissenden und furzenden Dame. Machtlos und vor Angst zitternd spürte ich, wie der warme Urin an den Innenseiten meiner Schenkel entlang zu Boden strömte und wie sich mein Darm heiß und schmierig in die Unterhose entleerte.

„Du Schwein!“, herrschte mich Mutter an. Dann schrie sie laut nach Elsa, der sie den Befehl erteilte, die Sauerei auf dem Steinboden sofort zu entfernen. Mir reichte Elsa ein paar Pantoffeln, in die ich mit einem weiten Schritt steigen musste. Dann geschah das Fürchterliche. „Ab in die Kammer!“ Ungewaschen zwangen mich Mutter und Elsa hinab in den tiefen Keller. Die Kammer, das war ein fensterloser Raum, dessen Licht sich nur von außen anschalten ließ. Darin befanden sich eine Campingliege, ein winziges Waschbecken und ein Toilettenbecken ohne Sitz.

Die eiserne Tür krachte hinter mir ins Schloss, der Schlüssel sperrte ab. Dort saß ich nun in unbewegter Luft. Die Pisse in meiner Hose begann nach Ammoniak zu stinken, mir wurde stechend übel, kotzte sprudelnd ins Toilettenbecken, das ich halb verfehlte. Mittlerweile muss Vater gekommen sein. Den ich hörte die Orgel von oben durchs Gemäuer klingen. Vater spielte „Eine feste Burg ist unser Gott“. Vater liebte Kirchenlieder aus der Reformationszeit, um derentwillen er die Orgel in unserem Wohnzimmer eigens hat installieren lassen. Vater! Wenn er bloß von meinem Elend wüsste! Aber sie wird ihn belügen und behaupten, ich schliefe schon. Dann hörte ich von draußen ihre Absätze. Das Licht erlosch. Vater! Wo bist du?

Dr.Thomas Busenberger, Pirmasens

Die Gekreuzigten. Eine Animation von Claude Otisse.

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