Gute Gefühle: Der Trost liegt im Handschuhfach

Gute Gefühle: Schnaps im Handschuhfach eines Autos.
Für unterwegs: Obstler im Handschuhfach.

Gute Gefühle – die macht der alkoholische Trunk unbedingt. Denn er lässt die Schatten der Nacht vergessen. Wenigstens in diesem Augenblick, in dieser Stunde, an diesem Tag geht das gewohnte Leben weiter. Wenn auch wankend, so ist der Alltag noch erträglich. Solange, bis der für immer zu Ende geht. Machtlos besoffen ist sie, diese Kreuzfahrt ohne Wiederkehr. Gewiss, die armen Kinder tragen das Elend dieser Welt. Aber gerade darum suchen ihre Mütter den Trost im Schnaps.

Warum erzählt uns Claude Otisse diese merkwürdige Geschichte von der betrunkenen Frau? Ich muss diese Frage stellen. Aber niemand scheint in der Lage zu sein, eine angemessene und überdies wahrhaftige Antwort zu geben.

Claude Otisse selbst frage ich lieber nicht. Obwohl Erzähler der Geschichte, traue ich Otisse diese Fähigkeit kaum zu. Es mag schon sein, dass der geschilderte Vorfall annähernd dem entspricht, was er gesehen zu haben meint. Auch könnten andere an seiner Stelle die Frau doch ähnlich wahrgenommen hätten. Insofern sagt er die Wahrheit. Oder besser: eine Wahrheit. Seine Wahrheit nämlich.

Wanken gehört zum Alltag

Aber meine Zweifel sind so zäh wie eine junge Robinie. Ob er die Erzählung in ihrer oberflächlichen Art rechtfertigen könnte? Er hätte in die Tiefe gehen müssen und nach den wahren Gründen ihrer Trunkenheit fragen sollen. Aber nein. Das tut er nicht. Otisse berichtet die Äußerlichkeiten. Gerade so, als sei die Begegnung mit der besoffenen Frau so selbstverständlich wie ein Abendspaziergang.

Zwar mag es zum Alltag gehören, wenn Männer und Frauen, Väter und Mütter von Alkohol und Drogen berauscht durch die Straßen torkeln. Ja, der Anblick gehört zu Städten und Dörfern wie Autos, Handys und mit starken Rollläden verbarrikadierte Häuser.

Trunkenheit als Menetekel des nahenden Elends

Dennoch ist der Anblick der Wankenden nicht selbstverständlich. Schließlich sind die Betrunkenen ein untrügliches Zeichen dessen, was langsam und drohend aus der Nacht zum Tageslicht kriecht. Ein Entkommen gibt es nicht. Nur eines verspricht in der Misere noch gute Gefühle. Auch wenn das geschluckte Glück, das gute Gefühl nur kurze Zeit währt, verhilft der Alkohol doch noch zu einem kleinen Trost. Mit dem Schnaps bleibt das Elend noch für diesen einen Augenblick erträglich.

Denn die Vorahnung des Elends beschleicht zuallererst die Frauen und Mütter. Aus ihren Träumen werden Albträume. Erst kommen sie kurz und selten. Dann, ganz langsam mit der Zeit, werden sie länger, tiefer, finsterer. Bis die Träumerin allnächtlich gegen das seelische Ertrinken kämpfend bis ans rettende Ufer des Morgens treibt. Linke Seite, rechte Seite, auf Rücken oder auf den Bauch – die Schatten bleiben in allen Lagen. Sie scheuen nur die Sonne.

Keine guten Gefühle – Zerbrochene Versprechen der Kindheit

Sie dringen in die Häuser ein, kommen näher. Das Fenster hält sie nicht ab. Die stählerne Jalousie zerbricht. Jetzt sind die lichtlosen Geister im Zimmer. Alsbald stechen sie in den Körper hinein. Das Böse schleicht in alle Öffnungen. So wie ein mörderisches Virus aus den Urwäldern Afrikas seine Opfer schlägt. Schutz gibt es nicht. Gott hat die behütende Hand längst zurückgezogen. Obwohl? Vielleicht schützt doch noch etwas? Nein. Kein einziges Versprechen der Kindheit ist je in Erfüllung gegangen. Kein Talisman hält das Übel fern, der gute Hirte ist längst geflohen.

Auf dem Couchtisch fährt der Wind in die aufgeschlagene Fernsehzeitung, blättert zum neuen Tag. Der Ehemann hat die Terrassentür einen Spalt geöffnet, bevor er das Haus verließ und zur Arbeit fuhr. Die Kinder schlafen noch. Oder sind die Kleinen schon tot? Schnell, jetzt zum Wecken. Dann das Frühstück vorbereiten, noch die Zähne putzen und gleich los.

Bald ruft die Glocke zum Unterricht – Ruhe, der Rücksitz ist leer. Dann fördert der erlösende Griff ins Handschuhfach den ersten Schnaps zu Tage. Ein letzter Blick hinüber, während in der Schule der Lärm erstirbt. Dort sind Pädagoginnen am Werk. Wer möchte schon in der Haut der Kinder stecken? Ach, jetzt fährt das Auto wie von selbst quer durch Pirmasens bis ins Büro. Bei der Ankunft ist die Flasche schon halb leer. Gute Gefühle.

Gute Gefühle offenbaren ihr Geheimnis

Wie ich das Geheimnis über gute Gefühle der besoffenen Frauen in Erfahrung bringen kann? Mir, dem Augenarzt Dr. Thomas Busenberger, vertrauen diese Frauen und Mütter ihre Träume an. Alleine schon mein Titel und mein Beruf lassen mich des Vertrauens in ihren Augen würdig erscheinen. Dazu ein klein wenig Interesse und Freundlichkeit meinerseits. Das reicht, um Münder und Herzen zu öffnen. Dann berichten mir die Frauen und Mütter über die geheimsten Dinge. Und sie sagen mir, wie sie trotz des allnächtlichen Schreckens doch noch zu guten Gefühlen gelangen.

Was all den Träumen dieser Frauen und Mütter gemeinsam ist: Sie bezeugen eine Gewissheit. Nämlich die Gewissheit, wie zerbrechlich dieses Leben ist, und dass es im Zerfall begriffen ist. Dieses übersieht Claude Otisse. Er verdrängt und leugnet, weil er nur das Äußere als gültig anerkennt und sich beharrlich weigert, hinter die Geschehnisse zu fragen. Womöglich, weil auch er weiß: Die Antwort wäre fürchterlich. Und das Fürchterliche will er nicht ertragen.

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