Betrunken in der Sommerhitze

Sommerhitze: Trinkerfels an der bretonischen Küste bei Lesconil
Trinkerfels an der bretonischen Küste bei Lesconil.

Betrunken in der Sommerhitze – wie fühlt sich das an? Während ich an den heißen Tagen lieber erst am späteren Abend mein Gottbier genieße, traf ich an diesem Hitzetag eine Zeitgenossin, die sich bereits tagsüber den berauschenden Getränken hingegeben hatte.

An diesem Tag spazierte ich am späten Nachmittag quer durch Pirmasens. Unter den schattigen alten Linden der Allee am östlichen Stadtrand kam mir eine in elegantem, maritimen Stil gekleidete Frau entgegen. Sie mag vielleicht in der Mitte ihrer 40er gewesen sein. Doch da war etwas anders als es zu erwarten gewesen wäre. Denn schon aus einiger Entfernung bemerkte ich ihren ungewöhnlichen Gang.

Wankend wie ein müdes Cowgirl

Wie ein müdes Cowgirl aus einem zweitklassigen Western wankte sie den schmalen Weg entlang. So, als sei sie den ganzen Tag im Sattel eines Pferdes gesessen, durch die Weite geritten und als habe sie einen Muskelkater davon getragen. Nein, offensichtlich hatte sie es nicht eilig. Zumindest sah ihre Bewegung nicht nach Eile aus. Und als wir uns schließlich begegneten, blieb sie auf dem schmalen, nicht asphaltierten, dafür mit feinem Kies gestreuten Gehweg stehen.

Dem Gebot der Höflichkeit folgend, trat ich einen kleinen Schritt zur Seite. Dennoch könnte ihr der Platz zum Vorübergehen nicht gereicht haben. Weil ihre Gangart mehr Raum verlangte, als sie vorfand, trat ich einen weiteren Schritt zur Seite bis in den Grasstreifen, der den Gehweg von der Fahrbahn trennt.

Doch dann offenbarte die Frau den Grund ihres Haltens. Wenigstens den in Worte gefassten, bewusst ausgesprochenen Grund. Sie fragte mich, ob ich wisse, wie sie am schnellsten zur Bismarckstraße kommt, und ob ich ihr den Weg beschreiben möchte.

Scharfe Getränke und süßes Parfüm

In klarer und deutlicher Sprache brachte sie ihr Anliegen über die Lippen. Dabei glichen ihre Sätze eher einer Aufforderung als einer Bitte. Fast so, als sie es diese Frau gewohnt, Anweisungen zu erteilen. Auch ihr Blick entfloh dem meinen nicht. Ihre blauen Augen hielten der Begegnung stand.

Trotzdem, die Frau war eindeutig betrunken. Der strenge Geruch von scharfen Alkoholika überlagerte ihr süßliches Parfüm und füllte die Luft unter dem Blätterdach. Vermutlich hatte sie größere Mengen Schnaps und Bier genossen. Jedenfalls kurz bevor sie sich auf den Weg zur Bismarckstraße gemacht hatte.

Das Navi zeigt ihr den Weg durch die Sommerhitze

Nun, da mir eine ausführliche Wegbeschreibung zu umständlich und anstrengend erschien, zeigte ich ihr die Strecke auf dem Handy als Grafik des Routenplaners. Demnach waren es nicht mehr als zwanzig Gehminuten bis an ihrer Ziel. Ob ihr die gezeigte Karte ausreiche, fragte ich. Sie antwortete: Ja, sie könne sich den Weg auf diese Art ganz gut merken. Dann bedankte sie sich artig und wankte so breitbeinig durch die Sommerhitze davon wie sie gekommen war.

Endlich gibts ein Gottbier

Auch ich ging weiter als wäre nichts gewesen. So durstig, wie ich am späten Nachmittag eines heißen Sommertags nach einigen Kilometern Fußmarsch nur sein musste. Um die Strecke etwas abzukürzen, wählte ich den kürzeren Weg über den Horeb, stieg die Klosterstraße hinab, um durch die Innenstadt zur Kolonie am Rande des Winzler Viertels zu gelangen. Endlich: „Zisch!“ Jetzt stand eine Kiste Gottbier für mich bereit!

Natürlich trinke auch ich ganz gerne. Aber ich diszipliniere mich selbst. Alleine schon deshalb bin ich der wankenden Dame aus Pirmasens haushoch überlegen. In Sachen Disziplin und in Sachen Moral. Niemals würde ich mich derart würdelos in der Öffentlichkeit zeigen wie diese besoffene ältere Dame.

Die spricht dann auch noch fremde Leute an. Dann fragt sie nach dem Weg. Dabei stinkt sie aus dem Hals wie ein Schnapsladen. So etwas ist doch einfach widerlich. Was für ein verkommener Mensch muss diese Frau sein!

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