Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Im stärksten Rausch: Das Röcheln vor dem Tod

Der stärkste Rausch zwang Claude Otisse auf die harten Eichendielen. Rücklings stürzend öffnete der Journalist stumm den erstickenden Mund und breitete weit die Arme aus. Atemlos raste seine Zeit davon. Sie saugte gierig an seinem Leben, sog es Stück für Stück zum Reich des Todes hin. So fand ich den gequälten Schmerzensmann in seinem Zimmer liegend. Was blieb mir zu tun?

Einem Düsentriebwerk gleich beschleunigte der Rausch die Otisse noch verbleibende Zeit. Der Jet durchbrach mühelos die Schallmauer. Der gewaltige Vortrieb schrumpfte die Stunde zur Minute, die Minute zur Sekunde. Seine Zeit jagte im Rausch immer weiter davon.
Dagegen war meine Zeit eine gänzlich andere. Ihre Sekunden verhakten sich und schlugen ihre Krallen in meine Haut. Ihre Minuten umschlangen meinen Hals, ihre Stunden klebten meine Sohlen fest. Meine Zeit stand still, seine Zeit flog schnell.
Wie weit war der Düsenjet nach drei Minuten gekommen?

Der Rausch der Vergangenheit holt Dr.Thomas Busenberger im Luisengarten ein.
Dr.Thomas Busenberger wird von seinem Versagen eingeholt.
Montage: Klaus Wirth

Der Rausch reicht bis Mannheim

Siebzig Kilometer? Das ist die ungefähr die Luftlinie von Pirmasens bis Mannheim. Just bei diesem Gedanken überkam mich eine Phantasie. Sie stürzte so unversehens auf mich herab wie ein Blitz vom Himmel fährt. Machtlos gab ich mich ihren Bildern gefangen, ohne das geringste Vermögen der Gegenwehr. Wenn ich Otisse noch erreichen wollte, müsste ich einen olympischen Sprint durch das Dazwischen wagen. Der kolossale Pfälzer Wald wäre zu durchqueren. Dann der reißend kalte Rhein, dieser irre nach Norden strömende Kanal, der zwischen flammender Chemie, erdrückenden Hochbauten und flimmernden Einfamilienhäusern zu Tal rauscht.

Mannheim, die Schöne im Jenseits der Brücke. Mir erschien vor Augen, wie der Düsenjet über der Autobahn neben dem Maimarkt schwebt und auf heißen Rädern zwischen den hupenden Autos landet. Mir tagträumte, Otisse steigt als Pilot verkleidet aus der gläsernen Kanzel, klettert über die Leitplanke und verschwindet entschlossenen Schrittes hinter den welken Büschen. Ich sah den Freund als maskierten Captain Future in der Uniform des Helden, dessen Größenmut auch die allerletzte Grenze überschreitet.

Bald war der Held am Ziel. Die einbeinigen Flamingos der Gartenschau, dieser wundervolle Luisenpark mit seinen alten Mammutbäumen breitete sich vor mir aus. Herrlich entspannte Spaziergänge führten uns auf den schmalen Wegen entlang. Wir genossen den Anblick exotischer Pflanzen und streichelten die Schuppen nach Luft schnappender Karpfen. Welch ein herrliches Vergnügen war die Fahrt der an unsichtbaren Seilen gezogenen Boote über das warme Wasser des grünen Teichs. Wie leicht und schwerelos diese frühen Tage mit Daniela waren!

Schmetterling im Luisengarten. Hunde-Tommy sieht ihm Rausch der Erinnerung.
Ein Schmetterling im Tropenhaus des Luisenparks in Mannheim. Foto: Klaus Wirth

Im Tropenhaus schwebte ein großer, bunter Schmetterling auf Danielas Arm herab und ließ sich behaglich nieder. Zuerst erschrak sie und riss die Augen auf. Mir war, als fürchtete sie, das fremdartige Tier könnte böse stechen und sogar beißen. Aber nein, das tat es nicht. Daniela spürte nur das freundliche Kitzeln der kleinen Füßchen auf der Haut und lächelte sanft, damit der Schmetterling noch ungestört verweilte. Ich zückte meine Kamera. Ein einfaches Modell mit Rollfilm und Sucher. Das Foto sehe ich noch vor mir, auch wenn das bunte Papier längst verloren ist. Die kommenden Ereignisse haben es mit sich gerissen. Nur die Erinnerung an das verlorene Paradies ist mir geblieben. Wie gerne möchte ich Daniela noch einmal umarmen!

Seit dem Tag, an dem ich zum letzten Mal meine Arme um Daniela legen durfte, sind nunmehr zwei Jahrzehnte vergangen. Das Ende kam an einem Montag. Früh um 7 Uhr klingelten die behelmten Häscher an unserer Tür. Daniela war es, die ihnen öffnete. Dann stürmten sie herein, brachen durch die Halle ins Bad, wo ich gerade wohlig duschte. Ich war nackt. Die Flucht wäre mir nicht gelungen. Nein. Daniela wusste nicht, warum sie mich holten. Sich in der Familie geborgen wähnend, ahnte sie nichts von der Gefahr. Wir hatten ein schönes und sorgenfreies Wochenende mit den Kindern verbracht, bevor das Unheil über uns kam, das unsere gemeinsame Zukunft für immer zerstörte und zusammen verlebte Vergangenheit verfluchte.

Nach diesem Montag habe ich Daniela nur noch ein einziges Mal gesehen. Vor dem Familiengericht. Es ging um die Kinder, um das Sorgerecht. Der Termin war schnell vorbei, er dauerte nicht länger als zehn Minuten. Gestritten wurde nicht. Denn einer wie ich kam als Vater nicht mehr in Frage. Ich wollte Daniela nahe sein. Das war der einzige Grund, warum ich überhaupt an der Verhandlung teilnehmen wollte. Gleich nach der Sitzung zerrten mich meine Aufpasser an den Ketten ins Auto und schafften mich zurück. Wenige Monate später regelten beflissene Anwälte die schnelle Scheidung. Die Ehe mit mir erschien dem Gericht nicht zumutbar.

„Ihre Liebe schlug um in Hass,
weil ich falsch dachte,
falsch fühlte
und falsch handelte.“

Daniela verachtete mich dafür, dass Sein und Sollen in meinen Gedanken in einem entscheidenden Augenblick so weit auseinander gefallen waren, dass dieses Unglück geschehen konnte. Ihre Liebe schlug um in Hass, weil ich falsch dachte, falsch fühlte und falsch handelte. Ein kalter Rausch ohne jedes Hochgefühl war über mich gekommen, so könnte ich diese Tat beschreiben. Allerdings vermag ich heute nicht mehr wiederzugeben, warum meine Gedanken und Gefühle dorthin führten. Nur die Anklage und die enge Zelle um mich herum sagten mir unmissverständlich, dass diese Tat nicht richtig gewesen sein konnte.

Daniela wohnt heute in Mannheim. Ihr neues Zuhause liegt in einem großen, bürgerlichen Haus gleich neben dem Luisengarten. Die Kinder sind inzwischen erwachsen und studieren an der Universität. Das haben mir Bekannte erzählt. Wie meine Kinder aussehen, wie sie sprechen und lachen, weiß ich nicht zu sagen. Auf der Straße würde ich sie nicht erkennen. Auch ihre Zeit ist davon geflogen, hat sich Äonen von meiner entfernt. Sie sind für mich zu Fremden unter Fremden geworden. So wie mir dieser Mann am Boden immer fremder wurde.

Die Sekunden rasen dem Tod entgegen

An diesem Tag, von dem ich hier berichte, war es wieder soweit. Neben Otisse und dem rasenden Tod in Pirmasens stehend, herrschte die ungnädige Diktatur falscher Gedanken zur falschen Stunde. Mir illusionierte Mannheim, der Luisenpark, der tropische Schmetterling und der Düsenjet. Indessen verwandelte sich der Mann am Boden in einen riesigen Berg aus fauligem Fleisch. Sein Antlitz rief mich nicht mehr an. Seine Lippen schwiegen.

Der Jet der Zeit brach die zweite Schallmauer. Sauerstoffmangel färbte das leblose Gesicht bereits blau. Die Zunge schwoll an. Der Rausch raste weiter nach Mannheim. Wie es sich wohl anfühlen mag, dürfte ich Daniela im Luisenpark noch einmal wiedersehen? Im schönen Sommer, dort, am kleinen Kiosk, wo wir auf Metallstühlen sitzend ein Eis genießen wollten? Wir sollten uns ein weiches Polster leihen, damit wir es uns im Schatten gemütlich machen können. Nogger von Langnese, das Eis mit den Nüssen dran, das mochte sie so sehr.

So stand ich da: Mannheim in Gedanken, der Fleischberg am Boden. Meine Füße wippten tanzend von den Zehen auf die Hacke, die Augen schauten blind hinunter, dann aufwärts, wohin sie wollten. Die Augen bestimmten das Gesehene, nicht ich. Ich? Was ist schon ein Ich mehr denn eine fixe Idee, ein wilder Dämon, eine Besessenheit? Es roch nach abgestandenem Zigarettenrauch und schalem Bier. Leere Kisten stapelten in der Ecke. Auf dem Tisch langweilten sich zwei verwaiste Flaschen. Die eine leer, die andere halbvoll. Daneben der überquellende Aschenbecher, verstreuter Drehtabak, Blättchen und eine angebrochene Tablettenschachtel. Sertralin. Ein Antidepressiva, ein selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), der auch krankhafte Angst lösen soll.

Hatte er den freien Tod gesucht? Oder hat er im Rausch gänzlich ungewollt ein paar Tabletten zu viel genommen? Der Suizid des Journalisten erschien mir greifbar und nahe. In all den Jahren hatte sich die Essenz seines Tuns in den Äther des Unverbindlichen verflüchtigt. Er, der stolze Zeitungsmann, erbaute einst in den geschwärzten Spalten die Welt täglich neu. Seine Arbeit war ein beständiger Rausch des Erfolgs. Geduldig standen die Leserinnen an jedem hoffnungsvollen Morgen vor dem Kiosk, um noch schnell eines der begehrten Exemplare zu ergattern.

„Welch ein Verrat,
welch ein Sakrileg!“

Doch der Horizont der reißenden Schlagzeilen und der sensationellen Fotos schrumpfte von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat, von Tag zu Tag. Der klägliche Rest des gedruckten Ruhmes verblasste auf nie gelesenem Papier. Am Ende war der Glaube an die Magie der Zeitung erloschen. Nur noch wenige wollten ein Abonnement. Das Interesse wanderte in die Sphäre der Elektronen. Welch ein Verrat, welch ein Sakrileg! Derart erniedrigt erschien mir dieser Suizid geradezu folgerichtig: Der vom Schicksal seines Lebenszwecks beraubte Journalist wollte nach dem letzten, vergeblich geschriebenen Artikel aus freien Stücken sterben. Da mag er sich doch glücklich schätzen, wenn er dem Tod im ohnmächtigen Rausch begegnete. Denn immerhin ersparte er sich so die würgenden Qualen des Stricks.

Würde sich Daniela das Leben nehmen, wüsste ich nichts davon. Niemand käme zu mir, um die Todesnachricht zu überbringen. Mannheim gegenüber, auf der anderen Seite der Brücke, liegt Ludwigshafen. Die Stadt, deren Bewohnerinnen ihr schlechtes Pfälzisch singen wie Schifferstädter Bauern im Gemüsefeld. Die Stadt, die nach dem Wiederaufbau noch kaputter erscheint als nach den tausend Bomben des Weltkriegs. Eine nach chemischer Reinigung stinkende Wüste aus bröckelndem Beton mit Straßen voller Löcher wie Granattrichter groß. Auf stählernen Gesimsen sonnen sich die Ratten. Ludwigshafen war immer schon ein verlockender Ort zum Abschied. Wird Daniela über die Brücke gehen?

Die Botschaft des Siphons

Die Luft stand bewegungslos. Nichts und niemand regte sich in diesem Zimmer. Sogar die feinen Staubpartikel verfingen sich träge schwebend im fallenden Sonnenlicht. Plötzlich ertönte ein krachendes Knacken. Ein kleiner Schuss, eine winzige Explosion rollte durch den Raum und hallte dumpf von den Wänden wider. Ihm folgte ein blubberndes Geräusch. Es klang fast so, als würde eine Saugglocke die fettige Emulsion stark verschmutzen Abwassers durch den engen Siphon pressen. Obwohl sich niemand am Abfluss zu schaffen machte, wähnte ich diese Töne zu vernehmen.

Also lauschte ich zur Spüle in der Ecke gegenüber der Bierkisten. Bevor er sich zum Fleischberg verwandelte, hat Otisse gerne Ölsardinen verschlungen. Daher hielt ich es durchaus für möglich, ja sogar für höchst wahrscheinlich, dass er überschüssiges Öl aus den Dosen achtlos in den Ausguss schüttete. Einem erwachsenen Menschen, der regelmäßig leere Bierkisten aus dem Fenster in den Streuobstgarten schleuderte, war eine derart schlechte Angewohnheit bestimmt nicht fremd. Da war es schon wieder, dieses tiefe Röcheln, Knacken und Blubbern. Was sagte mir der Siphon?

Womöglich war der Fettpfropf nach und nach gewachsen. Sobald ein Knäuel aus Unrat, ausgefallenen Haaren und altem Fett groß genug ist, dann blockiert er das Rohr, wird zum unsichtbaren Stopfen. Weil aber von oben Wasser nach fließt, dauert es nicht mehr lange, bis die Flüssigkeit gewichtig auf die fettige Geschwulst nieder drückt. Das Wasser presst die geballte Schmiere und zwängt sich an den Rädern durch. Im Zusammenspiel von Druck und Sog entsteht das röchelnde Knacken. So lautete jedenfalls meine Erklärung der Geräusche.

Meine Theorie erwies sich sogleich als physikalisch vollkommen richtig. Sie stimmte in den Grundzügen mit der Botschaft des Siphons überein. Also waren weder mein logisches Denken eingeschränkt, noch mein Bezug zur Außenwelt, der so genannten Wirklichkeit. So genannt, weil die Wirklichkeit meint, was wirkt. Wirksam ist auch eine bloße Idee ohne jeden weltlichen Gegenstand. Einen schweren Mangel an geistigen Fähigkeiten hatte mir nämlich eine der forensischen Psychiaterinnen vorgeworfen. Die Frau im weißen Mantel bezeichnete mich als narzisstisch, psychotisch und mitleidlos. Daneben attestierte sie mir zwar ein profundes Wissen, zugleich jedoch ein vermindertes Einfühlungsvermögen.

Sie tat dies wohl, weil sie verzweifelt nach der vernünftigen Erklärung meiner nach ihrem Denken unvernünftigen Tat suchte, aber nicht finden konnte. In den Büchern entdeckte sie jedoch die überkommenen Ideen von einer Krankheit. Sie übersetzte diese Begriffe in ein amtliches Gutachten und entfaltete es in einem eleganten Referat vor der Richterin. Diese wiederum verkündete das von der Psychiaterin gefällte Urteil, das mich von nun an als Gefahr für die Gesellschaft auswies. Seit diesem Tag trage ich das Zeichen der Verdammnis auf der Stirn.

„Die Diagnose gereicht mir
zum Schicksal und zum Fluch.“

Das von blindem Ehrgeiz getriebene Geschreibsel voller willkürlicher Mutmaßungen liegt noch heute bei meinen Gerichts- und Krankenakten. Folglich gereicht mir diese Diagnose bis zum heutigen Tag zum Schicksal und zum Fluch. Denn dieser Befund wirkt als beständige Zauberformel, die immer wieder jenes hervorbringt, was sie zuvor mit ihren Worten bezeichnet hatte. Somit hat erst die Psychiaterin meine Krankheit erschaffen, indem sie ihr einen Namen gab und eine Bedeutung verlieh. Wenn ich zeitlebens an diesem Befund gefesselt bleiben muss, so versuche ich das Gutachten wenigstens dem Inhalt nach zu widerlegen.

Meine naturwissenschaftlich und technisch begründete Theorie über den Fettpfropf bewies einmal mehr, wie sehr sich diese Frau in ihren wild aneinander gereihten Sätzen geirrt hatte. Ich konnte denken. Klar und logisch. Aber einen Irrtum musste ich dennoch einräumen. Im Unterschied zur besagten Medizinfrau nehme ich das schmerzende Eingeständnis mutig in Kauf. Der Ort der erklärten Geräusche erwies sich bald ein gänzlich anderer. Das Röcheln drang nicht wie zuerst angenommen aus dem Abfluss des Spülbeckens. Die Quelle lag woanders. Aber das Prinzip stimmte trotzdem.

Was war das für ein Fehler, der mich glauben ließ, das Röcheln käme aus dem Abfluss, obwohl es aus den Tiefen von Fleischbergs Rachen stammte? Ich stellte eine neue Überlegung an. Das Gehör ist bekanntlich einer der schwachen Sinne des Menschen. Es ist überaus leicht zu täuschen. Wenn die Zuverlässigkeit gesteigert werden soll, muss das Gehör besonders trainiert werden.

So wie es bei Musikerinnen geschieht, oder bei Blinden, die ihre Ohren zur Orientierung im Raum gebrauchen müssen. Diese Menschen erkennen an der Richtung reflektierten Schalls, wo sich Personen und Hindernisse in einem Raum befinden. Genau dort, wo diese ihre Stärke zeigen, lag meine beklagenswerte Schwäche. Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein? Ich weiß es nicht. Mein Gehör täuschte mich über die Richtung des Schalls, bevor ich die wahre Herkunft des Geräusches entdeckte.

Der Kronenkorken verstopft den Schlund

Ich stellte mich breitbeinig über den Menschenhaufen unter mir. Dessen feistes Gesicht wechselte gerade die Farbe von dunklem blau zurück in fahles weiß. Ein deutliches Zeichen setzte dieses Bild. Ich verstand seine logische Bedeutung. Es musste doch noch Leben in ihm sein, das um Sauerstoff kämpfend in seiner Luftröhre knackte, blubberte und röchelte.

Ich beugte mich leicht nach vorne, um noch etwas mehr davon zu sehen. Zwar fällt auch der Sehsinn gelegentlichen Täuschungen anheim. Allerlei Kippbilder und trickreiche optische Verzerrungen legen es geradezu darauf an, die sehend Forschenden hinters Licht zu führen. Nicht alle Effekte dieser Art sind schlecht. Wer es nicht glaubt, muss nur einen Kinofilm ansehen oder ein bewegte Leuchtschrift beobachten. Wobei nicht die Augen als solche für diesen Betrug anfällig sind, sondern das Gehirn. Das in seinen Synapsen verschaltete Denken, Fühlen und die Erfahrungen der Vergangenheit bringt die falschen Bilder hervor.

„Ich glaube nicht, was ich sehe. Ich sehe, was ich glaube“, lautet ein alt bekannter Spruch. Doch der hier berichtete Fall nahm eine unerwartete Wendung. Das nun Sichtbare erlaubte keine Zweifel mehr. Nein, es war gewiss keine Projektion meiner inneren Vorstellungen oder gar eine irrlichternde Sinnestäuschung. Das hier war war Pirmasens, nicht Mannheim.

Zumal das vor meinen Augen erkannte Bild sehr gut zu den Tönen passte. Daraus ergab sich eine hohe Beweiskraft. Eine Evidenz, wie Naturforschende in diesen Fällen sagen. Und nein! Mein Befund war nicht nur eine bloße Korrelation von Zahlen. Er war kein fiktiver, statistischer Zusammenhang, der irgendwelche beliebigen Dinge in der Vergangenheit zählte und aus dem Ergebnis die Zukunft errechneten wollte. So wie ein jeder Fettknäuel im Siphon ein Faktum ist, war auch das Geschehen zu meinen Füßen eine blanke Tatsache.

Gleichwohl, es war kein verschmutztes Fett, das diese Luftröhre bis zum Ersticken blockierte. Ein gefährlicher Unrat lag hinter diesem Gaumen. Genauer gesagt steckte dort der Kronenkorken einer der beiden Bierflaschen fest. Vermutlich hatte der noch aufrechte Fleischberg den Korken auf die Flasche gedrückt, damit die Kohlensäure nicht zu schnell entwich. Womöglich drückte die volle Blase und er eilte zur Toilette, um sich zu erleichtern. Falls er nach der Blase auch noch seinen voluminösen Enddarm entleert hatte, dürfte er länger auf dem Klo gesessen haben als zuvor gedacht.

Ein Karpfen im Teich des Lusienparks in Mannheim
Ein Karpfen schnappt im Teich des Luisenparks nach Luft.
Foto: Klaus Wirth, 2015

Danach hatte er den Kronenkorken im Rausch vergessen. Schlicht übersehen hatte er den Stopfen, der Trübung seines berauschten Verstandes wegen nicht bemerkt. Wie gewohnt setzte er die Flasche an den Mund. Vom Strom des Bieres mitgerissen gelangte der Korken in den schluckenden Rachen. Das scharfkantige Metall verklemmte sich im Kehlkopf und schnitt der Lunge den Atem ab. Der Masse Mensch fehlte sogleich der Sauerstoff. Die letzte Faser seines Bewusstseins riss ab. Schließlich taumelte der entkräftete Fleischberg und krachte dem Gesetz der Schwerkraft folgend auf die Dielen.

Der schwere Kopf schlug aus einer Höhe von zwei Metern auf das harte Eichenholz. Da ich auf der Vorderseite keine Verletzung erkannte, schob ich vorsichtig mit der Fußspitze gegen die linke Schläfe. Der Kopf drehte sich wie erwartet nach rechts. Tatsächlich. Aus einer kleinen Wunde sickerte das Blut aus dem Hinterkopf. Im Verein mit dem Rausch dürfte der Aufprall die Ohnmacht zusätzlich vertieft haben. Mein Fuß brachte den Kopf in die Ausgangsposition zurück. Wieder ertönte das knackende Röcheln.

Wie es zu diesem stillem Überlebenskampf im stärksten Rausch des Todes kam, hatte ich nun ausreichend analysiert. Das Sein des liegenden Fleischbergs war genauestens beschrieben. Aber sowohl die Analyse als auch die Beschreibung blieben mir eine wichtige Antwort schuldig. Es stellte sich noch immer dieselbe Frage wie zu Beginn meines Berichts: Was blieb mir zu tun? Also verließ ich das Zimmer und schloss leise die Tür.

Dr.Thomas Busenberger

Dr.Thomas Busenberger

Dr.Thomas Busenberger, Spitzname Hunde-Tommy, ehemaliger Augenarzt, Mitglied der Pirmasenser Kolonie der Auserwählten, Angehöriger der Geistlichen Hütte.

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